BME Rhein-Main-Region

21.03.2011

Dieter Stemmer, Arnold AG: Zwischen Haute Couture und High Tech

Wer für einen der teuersten US-Künstler Metalle zu weltweit begehrten Kunstwerken formt, der muss ein bisschen anders ticken, als ein normaler metallverarbeitender Betrieb . Dieter Stemmer, Einkaufschef und Vorstandsmitglied der Friedrichsdorfer Arnold AG, bewegt sich mühelos zwischen dem künstlerischen Anspruch eines Jeff Koons und dem Beschaffungsalltag im industriellen Umfeld.

Es scheint, als wäre manches von dem, was im Einkauf aktuell den Ton angibt, an Dieter Stemmer und der Arnold AG vorbei gegangen. Doch das ist nicht so. Der Einkaufschef und Vorstand des Friedrichsdorfer Unternehmens ist sich bewusst, dass bei Arnold die Uhren anders ticken. Dieter Stemmers auf den ersten Blick ungewöhnliches Beschaffungs-Credo: "Wir verkaufen im Einkauf wie im Vertrieb." Der scheinbare Widerspruch ist Teil des Erfolgsrezepts des Familienunternehmens: Der Einkauf setzt auf eine enge, persönliche Beziehung zu seinen Lieferanten (Stemmer: "Online-Auktionen, so was kommt für uns nicht in Frage"), die viele der ehrgeizigen Kundenprojekte erst möglich machen. "Wenn wir unsere Lieferanten im Boot haben, können wir Anfragen zusagen", beschreibt Stemmer die Beschaffungssituation.

Stemmer spricht viel von der Leidenschaft für die Präzisionsmetallbearbeitung, "die alle bei Arnold antreibt." Großer Bahnhof oder Wirbel um seine eigene Person liegen ihm fern. Der Einkaufsmanager empfängt die Redaktion inmitten seines Teams. Der gemeinschaftliche Auftritt macht deutlich, wofür Dieter Stemmer steht: die absolute Wertschätzung von Mitarbeitern und Geschäftspartnern und das Fehlen jeglichen Hierarchiedünkels. Was nicht heißt, dass man sich gemütlich in den Sessel lehnt. Als kritisch-kreativen Quergeist beschreibt Stemmer sich selbst: "Ich will immer wissen, warum wir das so und nicht anders machen und frage nach, bis die Antworten wirklich den Kern treffen."

Dieser Qualitätsanspruch spornt alle an. Denn das, was die Friedrichsdorfer für ihre Kunden auf die Beine stellen, muss höchsten Ansprüchen genügen. Wie die Materialien und Konstruktionen der auf Hochglanz polierten Edelstahlskulpturen eines Jeff Koons, die bis zu 24 Monate am Thüringer Standort geformt und lackiert werden (am Kunstmarkt erzielen die Skulpturen aktuell höchste Preise).

Was für die Mode die Haute-Couture, ist für die Arnold AG die Kunst. Der Einkauf verhandelt für diese Sparte nicht. Es kommt überhaupt nur das Material in Frage, das die aufwändigen Verformungs- und Lackierprozesse aus- und den Designansprüchen der Künstler standhält. Für viele Künstler ist das Arnold Team  mit seinem Haute-Couture-Blick mittlerweile unterwegs.

Die Designfähigkeiten und die Präzision der Friedrichsdorfer schätzen auch Luxuswerften und Architekten (aktuelles Projekt: eine Brücke für die Deutsche Bank-Türme samt kugelförmigem Metallobjekt). Großkunden sind zudem Flughäfen (Dachkonstruktionen, Geländer, Absperrungen, Beschilderungen, Wandverkleidungen). Sitzt Stemmer mit seinen Lieferanten dann am Tisch, geht es oft darum, sie zunächst für die ambitionierten Aufträge zu gewinnen. Für die exklusiven Reelingrohre einer Yacht etwa musste Stemmer einen Zulieferer überzeugen, für ihn die Maschinen eine Woche lang zu stoppen und umzustellen - für 200 Meter Luxusrohr, sonst die Produktionsmenge nicht einmal einer Stunde. "Dieses Geschäft funktioniert nur, weil wir mit unseren Lieferanten Top-Beziehungen pflegen. Wir kennen alle persönlich, Fairness im Umgang ist für uns absolutes Gebot", erklärt Stemmer die Philosophie. So trifft er selbst für Kleinstserien - auch nach jahrelanger Pause - bei Spezialanbietern auf Gehör. "Unsere Projekte bewegen sich oft am Rande des technisch Machbaren", führt Stemmer aus, "zuverlässige Partner sind da einfach das A und O."

Auch die Produktpalette für die Industrie ist breit: vom Gehäuse für Gepäck-Röntgengeräte  , über Metallhüllen großer Wertstoffautomaten bis zu kleinen Ummantelungen für medizintechnische Geräte, bei denen es auf exakteste Maße angekommt. Für den reibungslosen Beschaffungsprozess dieser Vielfalt pflegt Stemmers Team eine eigene "Wer-liefert-Was"-Datenbank. "Wer kann das überhaupt mit uns? ist eine bei Arnold vielgestellte Frage", erklärt Stemmer. Standard-Materialen (etwa 50 Prozent) sind in einem Einkaufscockpit mit Preismatrix für zeitnahe Kalkulationen hinterlegt. Arnold  ist natürlich von aktuellen Rohstoffpreisen abhängig. Aber auch hier bringt die faire Beschaffungspolitik selbst in Hausse-Phasen manch guten Einkaufspreis für den Mittelständler. Für Economy-of-scale-Effekte sind die Losgrößen bei Arnold zu klein. Stemmer setzt deshalb auch für industrielle Auftraggeber auf seine persönliche Einkaufsphilosophie. Bislang mit Erfolg. Wenngleich es bei zuliefernden Konzernen manchmal viel Mühe kostet, den individuellen Ansatz rüber zu bringen - das räumt der erfahrene Einkaufsleiter ein und rauft sich angesichts wechselnder Ansprechpartner bei Lieferanten schon mal die Haare.

Doch aufgeben wird Stemmer seinen Ansatz nicht. Im Gegenteil. "Wir bei Arnold ticken so", bestätigen auch die Kollegen am runden Tisch. Starke Individualisten sind sie alle, und Stemmer macht aus ihnen ein gutes Orchester. In zwei Jahren muss dies ein anderer tun. Dann übergibt Stemmer seinen Vorstandsposten an seinen Nachfolger und wechselt in den Aufsichtsrat. Bis dahin will er mit seinen Vorstandskollegen noch das Projekt Arnold 100vorantreiben, mit dem sie das gesunde Unternehmen - selbst die Krise überstand man ohne Kurzarbeit und Entlassungen - fit für die Zukunft machen wollen. Dafür hat Stemmer bereits die Einkaufsabteilung zu einem modernen internen Dienstleister umfunktioniert, für den er ab sofort einen neuen Einkaufsleiter sucht - auch hier wird Stemmer den Stab übergeben. Starke Führungspersönlichkeiten, die im Beschaffungsalltag mit an packen, dürfen sich gerne melden.

Dieter Stemmer beginnt seine berufliche Laufbahn mit einer kaufmännischen Lehre bei Kaufhof in Hanau.  Um Geld zu verdienen, arbeitet er nebenher immer wieder in einer Schlosserei. Nach acht Jahren als Assistent und Einkaufsleiter einer Stahlbaufirma wechselt er 1976 zur Firma Arnold, zunächst als Einkaufsleiter, später rückt er in den Vorstand auf. 2012 wird der 63jährige dieses Amt abgeben und in den Aufsichtsrat wechseln.

Quelle: BIP Verfasser: Annette Mühlberger, Fachjournalistin

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