Alles im grünen Bereich - Der Einkauf der juwi-Gruppe in Wörrstadt
"Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen." Oder besser der juwi-Gruppe im rheinhessischen Wörrstadt einen Besuch abstatten, möchte man Altkanzler Helmut Schmidt gerne ergänzen. 1996 gegründet, legt das Unternehmen seither ein rasantes Wachstum an den Tag. Mittlerweile ist juwi einer der weltweit führenden Komplettanbieter im Bereich der erneuerbaren Energien und hat alleine 2010 weltweit etwa 350 neue Arbeitsplätze geschaffen. 2011 sollen weitere 500 dazukommen, davon rund 400 in Deutschland. Angetrieben werden die Firmengründer und Mitarbeiter von der Vision einer 100-prozentigen Stromversorgung aus regenerativen Energien in Deutschland bis zum Jahr 2030. Nicht viel zu tun für einen Einkäufer, da die Sonne schließlich sowieso vom Himmel scheint? Der BME rmr ließ sich bei einem Besuch in einem der energieeffizientesten Bürogebäude der Welt vom Gegenteil überzeugen.
Man sieht sie schon lange bevor man die Autobahnausfahrt Wörrstadt erreicht: fünf Windräder, die zusammen jährlich etwa 30 Millionen Kilowattstunden an sauberer Energie erzeugen. Mit Windrädern hatte 1996 auch alles angefangen. Die beiden Firmengründer Fred Jung und Matthias Willenbacher experimentierten damals zunächst unabhängig voneinander auf den elterlichen Höfen mit Windkraft. Relativ schnell stellten sie fest, dass sie gemeinsame Ziele und Ideale eint. Noch im selben Jahr gründeten sie ihr gemeinsames Unternehmen und begannen mit dem Bau eines ersten Windrades. Der heutige Firmenname leitet sich aus den Anfangsbuchstaben der Gründer Jung und Willenbacher ab.
In nur 15 Jahren ist daraus eine Unternehmensgruppe mit rund 1 100 Mitarbeitern und einem Umsatz von rund 800 Millionen Euro erwachsen. Die Ziele aber sind gleich geblieben. Bis 2030 soll Deutschland komplett mit sauberer und regenerativer Energie versorgt werden. Aus diesem Grund hat sich juwi zu einem Komplettanbieter gewandelt, der neben Sonne, Wind und Bioenergie auch auf Feldern wie dem energieeffizienten Bauen oder der Vermarktung von besonders ertragreichem Bodensubstrat tätig ist und darüber hinaus das Geschäft mit Endkunden ausbaut.
Der Firmensitz in Wörrstadt geht mit gutem Beispiel voran. Die Zentrale, die gleichzeitig als Demonstrationsobjekt dient, erzeugt mehr Energie als sie verbraucht. Sogar die Parkplätze sind mit Carports versehen, auf deren Dach Photovoltaik-Module das Sonnenlicht einfangen und in sauberen Strom umwandeln. Der juwi-Fuhrpark umfasst einige Elektro-Autos, die mit dem gewonnenen Strom vom Garagendach wieder aufgeladen werden können.
Einkäufer als Komplexitäts- und Innovationsmanager
juwi hat sich auf die Rundum-Projektentwicklung inklusive Finanzierung und Betrieb sowie EPC-Projekte (EPC = Engineering, Procurement and Construction) spezialisiert und bietet ihren Kunden Komplettanlagen mitsamt den anfallenden Dienstleistungen an. Dem Einkauf kommt damit eine besondere Stellung zu, da das Unternehmen nahezu sämtliche Komponenten von den entsprechenden Produzenten zukaufen muss. Bei Windrädern ist dies noch eine überschaubare Aufgabe, da das gesamte Produkt im Ganzen eingekauft wird. Im Bereich der Sonnenenergie ist die Situation komplexer, da eine Solaranlage vier Kernkomponenten hat. Neben dem Solarmodul benötigt man als zweiten Baustein Umwandlungstechnik wie Wechselrichter, Trafostationen und Kabel, die die Energie in gebrauchsfähigen Strom transformiert und weiterleitet. Außerdem benötigt man eine Unterkonstruktion, die aus Materialien wie Stahl, Aluminium oder Holz gefertigt wird. Als vierte Komponente kommen Montagearbeiten, Datentransfer, aber auch die Einrichtung einer Baustelle oder der Bau von Zufahrtsstraßen hinzu, wenn es sich um eine Großanlage auf freier Fläche handelt.
Angesichts der Vielzahl und Komplexität der benötigten Komponenten ist ein ausgewogenes Lieferantenportfolio enorm wichtig. Neben klassischen Kriterien wie Qualität und Liefersicherheit spielt der Innovationsfaktor in dieser Branche eine besondere Rolle. Die besondere Aufgabe, die den Einkäufern hier zukommt, ist das rechtzeitige Erkennen von Trends und die frühzeitige Sicherung von Volumen bei vielversprechenden Technologien. Insbesondere im Bereich der Module ist die Gefahr groß, im ungünstigen Fall mehrere Jahre von der Entwicklung abgekoppelt zu sein. Die Fertigung von Solarmodulen hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten stark weiterentwickelt, und nicht zuletzt das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) hat zu einer enormen Nachfrage nach Produktionskapazitäten und Ressourcen geführt.
Warum juwi-Einkäufer auch Produktmanager sind
Ein Windrad hat relativ wenige Berührungspunkte mit einer Bioenergie-Anlage oder der Solartechnik. Deswegen verfügt juwi über keinen Zentraleinkauf, vielmehr haben die einzelnen Geschäftsbereiche ihre eigenen Einkaufsabteilungen. Die sehen, abhängig von den Anforderungen, sehr unterschiedlich aus. Während der Geschäftsbereich Wind mit zwei Einkäufern auskommt, sind im Geschäftsbereich Solar etwa 40 Mitarbeiter strategisch und operativ mit der Steuerung der Materialströme betraut. Eher ungewöhnlich ist, dass ein Teil des Produktmanagements im Solareinkauf angesiedelt ist. Dieser ist für die technische Bewertung hinsichtlich Qualität und Innovation verantwortlich. Letztlich müssen der Produktmanager und der Einkäufer eine ausgewogene Entscheidung treffen, ob ein bestimmtes Modul in das Portfolio aufgenommen werden soll oder nicht.
In der Lagerhaltung am Firmensitz in Wörrstadt sind etwa fünf Mitarbeiter beschäftigt, aber sie sind bei weitem nicht die einzigen. Da juwi mittlerweile weltweit tätig ist, hat man deutschland- und europaweit verteilt Lager angemietet. Ein Zentrallager würde schon alleine aufgrund der Größe mancher Komponenten nicht sinnvoll sein. Stattdessen wird viel Wert auf die Transportkoordination und Baustellenlogistik gelegt, für einige Bauteile gibt es sogar komplette Lagerkonzepte. Den meisten Platz brauchen laut Carolin Schenuit, Teamleiterin Produktmanagement Module, die Unterkonstruktionen und die Containerware Module. Insgesamt summiert sich das zur Hauptsaison schon mal auf 80 Container mit Solarmodulen und etwa die gleiche Menge an Langgut - pro Woche.
Simultaneous Engineering als Mittel gegen drohenden Kostendruck
Aufgrund der Komplexität der Produkte gibt es verschiedene Hebel, an denen die juwi-Einkäufer ansetzen können. Neben den üblichen Verhandlungen mit Dienstleistern und Termin- und Sicherungsgeschäften sind insbesondere die Unterkonstruktionen und die Marktentwicklung bei den Modulen interessant. Bei den benötigten Rohstoffen für Gestelle handelt es sich meist um Stahl und Aluminium, deren Preisbildung stark vom Börsengeschehen abhängt. Der einkäuferische Hebel ist in diesem Bereich das Simultaneous Engineering. juwi verfügt über eine eigene Entwicklung für Unterkonstruktionen, die die Lieferanten frühzeitig mit einbindet, um gemeinsam technische Optimierungen zu realisieren.
Ein weiterer Ansatzpunkt ist die Zusammensetzung des kompletten Systems. Je nach verwendeter Technologie, verbauten Komponenten und verfügbarer Fläche versuchen die Ingenieure, ein optimales System für die jeweiligen Projektanforderungen zu konstruieren. Um bessere Systeme als der Wettbewerb anbieten zu können, muss man zuvor vor allem die richtigen Technologien eingekauft haben - hier schließt sich der Kreis zum Einkäufer.
Die Solarmodule dagegen sind Einkaufsleiter Heiner Duffing zufolge ein Sonderfall, da die Preisbildung nicht auf Basis einer Kostenkalkulation, sondern in Beziehung zum erzielbaren Preis erfolgt. Bisher ist der Markt im Solarbereich so stark gewachsen, dass noch kein Verdrängungsmechanismus eingesetzt hat. Erste Anzeichen dafür sind mittlerweile aber zu erkennen, und spätestens 2012 rechnet man damit, dass sich auch der Kostenwettbewerb weiter intensiviert. Das bedeutet jedoch nicht, dass sich die Branche auf ihren Lorbeeren ausgeruht hat. Vor allem in den Bereichen der Effizienz und der Prozessoptimierung wurden viele Fortschritte erzielt. Daher hört Carolin Schenuit gar nicht gerne, dass die Produktion einer Solarzelle mehr Energie verbrauchen würde als sie während ihrer gesamten Betriebsdauer erzeugt. Mittlerweile würden die energetischen Amortisationszeiten zwischen einem und drei Jahren liegen. Bei einer kalkulierten Minimumlaufzeit von 20 Jahren könne von einer ungünstigen Klimabilanz keine Rede mehr sein.
Extreme Preisschwankungen stellen für Solar-Einkäufer große Herausforderung dar
Gegen bestimmte Marktentwicklungen ist man allerdings nur bedingt gefeit, wie man an dem für Solarmodule benötigten Rohstoff Silizium beispielhaft sehen kann. Sein Kilopreis hatte sich zwischen 2004 und 2008 von 25 Dollar auf 250 Dollar verzehnfacht. Mittlerweile liegt der Siliziumpreis wieder bei etwa 60 bis 70 Dollar pro Kilo, aber die Vielzahl an preisbildenden Aspekten macht die Aufgabe für Einkäufer nicht einfach. Die extremen Preisschwankungen waren im konkreten Fall vor allem zwei Umständen geschuldet. Zum einen stieg die Nachfrage durch die Photovoltaik-Branche stark an, was in der Regel auch zu verstärkten Spekulationen und Gewinnmitnahmen führt. Zum anderen nehmen die Planung und der Aufbau einer Siliziumfabrik bis zu vier Jahre in Anspruch. Der steigenden Nachfrage konnte also nur mit großer Zeitverzögerung entsprochen werden.
Darüber hinaus muss sich der Einkauf mit einer Besonderheit der Photovoltaik-Branche auseinandersetzen. Während sich die Produktivität von Schaltkreisen, beispielsweise in der Halbleiterbranche, bei sinkendem Materialverbrauch regelmäßig verdoppelt ("Moore´s Law"), können Anbieter von Solarmodulen die Fläche nicht minimieren, im Gegenteil: Je mehr Fläche belegt wird, desto größer ist der photovoltaische Umwandlungseffekt. Das bedeutet jedoch nicht, dass der Solar-Einkäufer extremen Marktschwankungen tatenlos zusehen muss.
Der Einkäufer als Innovator und Trendscout im Kampf gegen Marktschwankungen
Er kann zum Beispiel durch Innovationen versuchen, den Rohstoffeinsatz bei maximaler Effizienz zu minimieren. Experimentiert wird unter anderem mit konzentrierenden optischen Lösungen, die in das Solarmodul implementiert werden. Durch sie wird das einfallende Sonnenlicht gebündelt und verstärkt. Aufgrund des hohen technischen Aufwands zahlen sich solche Entwicklungen aber nur dann aus, wenn der Rohstoffpreis über längere Zeit auf einem sehr hohen Niveau verharrt. Andernfalls steht unter dem Strich lediglich eine Kostenverschiebung, da die Systeme der Sonne nachgeführt werden müssen und somit höhere Komplexität in der Unterkonstruktion erfordern.
Umso wichtiger ist es für den Einkäufer, gut mit den Modul-Produzenten vernetzt und über den aktuellen Stand der Forschung informiert zu sein. juwi sucht den Kontakt zu den Herstellern bereits in einem sehr frühen Entwicklungsstadium. In diesem Punkt ist seine Arbeit mit dem Talentscout eines Fußball-Vereins vergleichbar. Er muss vielversprechende Technologien bewerten und filtern sowie ihre weitere Entwicklung im Auge behalten. Am schwierigsten ist es hier wie dort, den idealen Zeitpunkt für die Vertragsunterzeichnung zu finden. Steigt man zu früh ein, ist das Produkt unter Umständen noch nicht ausgereift. Zögert man zu lange, haben Mitbewerber vielleicht schon zugeschlagen.
Aus der Region für die Region - und der BME rmr ist mittendrin
Apropos Fußball: BME rmr-Mitgliedern haben wir im letzten Jahr den Manager des Bundesligisten 1. FSV Mainz 05, Christian Heidel, in einem Exklusiv-Interview vorgestellt. juwi gehört zu den Sponsoren des Vereins, der im Sommer seine neu erbaute Spielstätte, die Coface-Arena, einweihen wird. Eine Zusammenarbeit lag da natürlich nahe, und so produziert eine von juwi realisierte Photovoltaik-Anlage heute etwa 700 000 Kilowattstunden Sonnenstrom auf dem Mainzer Stadiondach. Obwohl juwi in den vergangenen Jahren stark expandierte und mittlerweile auf nahezu jedem Kontinent mit Niederlassungen oder Projekten vertreten ist, versteht man sich gleichfalls als ein sehr stark in der Region verwurzeltes Unternehmen.
Einkäufern des BME, die ihr zukünftiges Tätigkeitsfeld möglicherweise im Bereich der regenerativen Energien sehen, macht Heiner Duffing Mut. Vor allem für marktorientierte Einkäufer sei die Branche ein ungemein spannender Markt, da er wettbewerbsfähig über viele Länder verteilt sei. Er geht davon aus, dass das Wachstum der Branche auch zukünftig in erheblichem Maße weitergeht. Alleine die juwi-Gruppe plant für 2011 etwa 500 weitere Neueinstellungen, in allen Funktionen. Neben dem Einkauf hebt Duffing besonders den Bedarf in der Logistik, der Materialmengenplanung und dem Transportmanagement hervor.
Fragt man die juwi-Mitarbeiter nach zukünftigen Projekten, erinnert man sich wieder daran, mit welchen Zielen und Überzeugungen Fred Jung und Matthias Willenbacher einst angetreten sind. "Das gute Geschäft ist notwendig", so Pressesprecher Ralf Heidenreich, "aber es ist nicht alles." Daher treibt man auch die Entwicklung nicht netzgekoppelter Systeme verstärkt voran. Interessant sind solche Lösungen unter anderem für Gebiete, in denen keine Netzinfrastruktur vorhanden ist. Kleine und dezentrale Netze könnten, in Ruanda, Namibia oder Senegal beispielsweise, einen entscheidenden Beitrag zur Lebensqualität leisten. In Indien ist juwi seit kurzer Zeit mit einer eigenen Niederlassung vertreten, und es fällt einem unweigerlich das alte indische Sprichwort ein: "Wo rechtes Handeln herrscht, dort ist der Sieg."
Mehr zur juwi-Unternehmensgruppe finden Sie unter http://www.juwi.de
Man sieht sie schon lange bevor man die Autobahnausfahrt Wörrstadt erreicht: fünf Windräder, die zusammen jährlich etwa 30 Millionen Kilowattstunden an sauberer Energie erzeugen. Mit Windrädern hatte 1996 auch alles angefangen. Die beiden Firmengründer Fred Jung und Matthias Willenbacher experimentierten damals zunächst unabhängig voneinander auf den elterlichen Höfen mit Windkraft. Relativ schnell stellten sie fest, dass sie gemeinsame Ziele und Ideale eint. Noch im selben Jahr gründeten sie ihr gemeinsames Unternehmen und begannen mit dem Bau eines ersten Windrades. Der heutige Firmenname leitet sich aus den Anfangsbuchstaben der Gründer Jung und Willenbacher ab.
In nur 15 Jahren ist daraus eine Unternehmensgruppe mit rund 1 100 Mitarbeitern und einem Umsatz von rund 800 Millionen Euro erwachsen. Die Ziele aber sind gleich geblieben. Bis 2030 soll Deutschland komplett mit sauberer und regenerativer Energie versorgt werden. Aus diesem Grund hat sich juwi zu einem Komplettanbieter gewandelt, der neben Sonne, Wind und Bioenergie auch auf Feldern wie dem energieeffizienten Bauen oder der Vermarktung von besonders ertragreichem Bodensubstrat tätig ist und darüber hinaus das Geschäft mit Endkunden ausbaut.
Der Firmensitz in Wörrstadt geht mit gutem Beispiel voran. Die Zentrale, die gleichzeitig als Demonstrationsobjekt dient, erzeugt mehr Energie als sie verbraucht. Sogar die Parkplätze sind mit Carports versehen, auf deren Dach Photovoltaik-Module das Sonnenlicht einfangen und in sauberen Strom umwandeln. Der juwi-Fuhrpark umfasst einige Elektro-Autos, die mit dem gewonnenen Strom vom Garagendach wieder aufgeladen werden können.
Einkäufer als Komplexitäts- und Innovationsmanager
juwi hat sich auf die Rundum-Projektentwicklung inklusive Finanzierung und Betrieb sowie EPC-Projekte (EPC = Engineering, Procurement and Construction) spezialisiert und bietet ihren Kunden Komplettanlagen mitsamt den anfallenden Dienstleistungen an. Dem Einkauf kommt damit eine besondere Stellung zu, da das Unternehmen nahezu sämtliche Komponenten von den entsprechenden Produzenten zukaufen muss. Bei Windrädern ist dies noch eine überschaubare Aufgabe, da das gesamte Produkt im Ganzen eingekauft wird. Im Bereich der Sonnenenergie ist die Situation komplexer, da eine Solaranlage vier Kernkomponenten hat. Neben dem Solarmodul benötigt man als zweiten Baustein Umwandlungstechnik wie Wechselrichter, Trafostationen und Kabel, die die Energie in gebrauchsfähigen Strom transformiert und weiterleitet. Außerdem benötigt man eine Unterkonstruktion, die aus Materialien wie Stahl, Aluminium oder Holz gefertigt wird. Als vierte Komponente kommen Montagearbeiten, Datentransfer, aber auch die Einrichtung einer Baustelle oder der Bau von Zufahrtsstraßen hinzu, wenn es sich um eine Großanlage auf freier Fläche handelt.
Angesichts der Vielzahl und Komplexität der benötigten Komponenten ist ein ausgewogenes Lieferantenportfolio enorm wichtig. Neben klassischen Kriterien wie Qualität und Liefersicherheit spielt der Innovationsfaktor in dieser Branche eine besondere Rolle. Die besondere Aufgabe, die den Einkäufern hier zukommt, ist das rechtzeitige Erkennen von Trends und die frühzeitige Sicherung von Volumen bei vielversprechenden Technologien. Insbesondere im Bereich der Module ist die Gefahr groß, im ungünstigen Fall mehrere Jahre von der Entwicklung abgekoppelt zu sein. Die Fertigung von Solarmodulen hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten stark weiterentwickelt, und nicht zuletzt das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) hat zu einer enormen Nachfrage nach Produktionskapazitäten und Ressourcen geführt.
Warum juwi-Einkäufer auch Produktmanager sind
Ein Windrad hat relativ wenige Berührungspunkte mit einer Bioenergie-Anlage oder der Solartechnik. Deswegen verfügt juwi über keinen Zentraleinkauf, vielmehr haben die einzelnen Geschäftsbereiche ihre eigenen Einkaufsabteilungen. Die sehen, abhängig von den Anforderungen, sehr unterschiedlich aus. Während der Geschäftsbereich Wind mit zwei Einkäufern auskommt, sind im Geschäftsbereich Solar etwa 40 Mitarbeiter strategisch und operativ mit der Steuerung der Materialströme betraut. Eher ungewöhnlich ist, dass ein Teil des Produktmanagements im Solareinkauf angesiedelt ist. Dieser ist für die technische Bewertung hinsichtlich Qualität und Innovation verantwortlich. Letztlich müssen der Produktmanager und der Einkäufer eine ausgewogene Entscheidung treffen, ob ein bestimmtes Modul in das Portfolio aufgenommen werden soll oder nicht.
In der Lagerhaltung am Firmensitz in Wörrstadt sind etwa fünf Mitarbeiter beschäftigt, aber sie sind bei weitem nicht die einzigen. Da juwi mittlerweile weltweit tätig ist, hat man deutschland- und europaweit verteilt Lager angemietet. Ein Zentrallager würde schon alleine aufgrund der Größe mancher Komponenten nicht sinnvoll sein. Stattdessen wird viel Wert auf die Transportkoordination und Baustellenlogistik gelegt, für einige Bauteile gibt es sogar komplette Lagerkonzepte. Den meisten Platz brauchen laut Carolin Schenuit, Teamleiterin Produktmanagement Module, die Unterkonstruktionen und die Containerware Module. Insgesamt summiert sich das zur Hauptsaison schon mal auf 80 Container mit Solarmodulen und etwa die gleiche Menge an Langgut - pro Woche.
Simultaneous Engineering als Mittel gegen drohenden Kostendruck
Aufgrund der Komplexität der Produkte gibt es verschiedene Hebel, an denen die juwi-Einkäufer ansetzen können. Neben den üblichen Verhandlungen mit Dienstleistern und Termin- und Sicherungsgeschäften sind insbesondere die Unterkonstruktionen und die Marktentwicklung bei den Modulen interessant. Bei den benötigten Rohstoffen für Gestelle handelt es sich meist um Stahl und Aluminium, deren Preisbildung stark vom Börsengeschehen abhängt. Der einkäuferische Hebel ist in diesem Bereich das Simultaneous Engineering. juwi verfügt über eine eigene Entwicklung für Unterkonstruktionen, die die Lieferanten frühzeitig mit einbindet, um gemeinsam technische Optimierungen zu realisieren.
Ein weiterer Ansatzpunkt ist die Zusammensetzung des kompletten Systems. Je nach verwendeter Technologie, verbauten Komponenten und verfügbarer Fläche versuchen die Ingenieure, ein optimales System für die jeweiligen Projektanforderungen zu konstruieren. Um bessere Systeme als der Wettbewerb anbieten zu können, muss man zuvor vor allem die richtigen Technologien eingekauft haben - hier schließt sich der Kreis zum Einkäufer.
Die Solarmodule dagegen sind Einkaufsleiter Heiner Duffing zufolge ein Sonderfall, da die Preisbildung nicht auf Basis einer Kostenkalkulation, sondern in Beziehung zum erzielbaren Preis erfolgt. Bisher ist der Markt im Solarbereich so stark gewachsen, dass noch kein Verdrängungsmechanismus eingesetzt hat. Erste Anzeichen dafür sind mittlerweile aber zu erkennen, und spätestens 2012 rechnet man damit, dass sich auch der Kostenwettbewerb weiter intensiviert. Das bedeutet jedoch nicht, dass sich die Branche auf ihren Lorbeeren ausgeruht hat. Vor allem in den Bereichen der Effizienz und der Prozessoptimierung wurden viele Fortschritte erzielt. Daher hört Carolin Schenuit gar nicht gerne, dass die Produktion einer Solarzelle mehr Energie verbrauchen würde als sie während ihrer gesamten Betriebsdauer erzeugt. Mittlerweile würden die energetischen Amortisationszeiten zwischen einem und drei Jahren liegen. Bei einer kalkulierten Minimumlaufzeit von 20 Jahren könne von einer ungünstigen Klimabilanz keine Rede mehr sein.
Extreme Preisschwankungen stellen für Solar-Einkäufer große Herausforderung dar
Gegen bestimmte Marktentwicklungen ist man allerdings nur bedingt gefeit, wie man an dem für Solarmodule benötigten Rohstoff Silizium beispielhaft sehen kann. Sein Kilopreis hatte sich zwischen 2004 und 2008 von 25 Dollar auf 250 Dollar verzehnfacht. Mittlerweile liegt der Siliziumpreis wieder bei etwa 60 bis 70 Dollar pro Kilo, aber die Vielzahl an preisbildenden Aspekten macht die Aufgabe für Einkäufer nicht einfach. Die extremen Preisschwankungen waren im konkreten Fall vor allem zwei Umständen geschuldet. Zum einen stieg die Nachfrage durch die Photovoltaik-Branche stark an, was in der Regel auch zu verstärkten Spekulationen und Gewinnmitnahmen führt. Zum anderen nehmen die Planung und der Aufbau einer Siliziumfabrik bis zu vier Jahre in Anspruch. Der steigenden Nachfrage konnte also nur mit großer Zeitverzögerung entsprochen werden.
Darüber hinaus muss sich der Einkauf mit einer Besonderheit der Photovoltaik-Branche auseinandersetzen. Während sich die Produktivität von Schaltkreisen, beispielsweise in der Halbleiterbranche, bei sinkendem Materialverbrauch regelmäßig verdoppelt ("Moore´s Law"), können Anbieter von Solarmodulen die Fläche nicht minimieren, im Gegenteil: Je mehr Fläche belegt wird, desto größer ist der photovoltaische Umwandlungseffekt. Das bedeutet jedoch nicht, dass der Solar-Einkäufer extremen Marktschwankungen tatenlos zusehen muss.
Der Einkäufer als Innovator und Trendscout im Kampf gegen Marktschwankungen
Er kann zum Beispiel durch Innovationen versuchen, den Rohstoffeinsatz bei maximaler Effizienz zu minimieren. Experimentiert wird unter anderem mit konzentrierenden optischen Lösungen, die in das Solarmodul implementiert werden. Durch sie wird das einfallende Sonnenlicht gebündelt und verstärkt. Aufgrund des hohen technischen Aufwands zahlen sich solche Entwicklungen aber nur dann aus, wenn der Rohstoffpreis über längere Zeit auf einem sehr hohen Niveau verharrt. Andernfalls steht unter dem Strich lediglich eine Kostenverschiebung, da die Systeme der Sonne nachgeführt werden müssen und somit höhere Komplexität in der Unterkonstruktion erfordern.
Umso wichtiger ist es für den Einkäufer, gut mit den Modul-Produzenten vernetzt und über den aktuellen Stand der Forschung informiert zu sein. juwi sucht den Kontakt zu den Herstellern bereits in einem sehr frühen Entwicklungsstadium. In diesem Punkt ist seine Arbeit mit dem Talentscout eines Fußball-Vereins vergleichbar. Er muss vielversprechende Technologien bewerten und filtern sowie ihre weitere Entwicklung im Auge behalten. Am schwierigsten ist es hier wie dort, den idealen Zeitpunkt für die Vertragsunterzeichnung zu finden. Steigt man zu früh ein, ist das Produkt unter Umständen noch nicht ausgereift. Zögert man zu lange, haben Mitbewerber vielleicht schon zugeschlagen.
Aus der Region für die Region - und der BME rmr ist mittendrin
Apropos Fußball: BME rmr-Mitgliedern haben wir im letzten Jahr den Manager des Bundesligisten 1. FSV Mainz 05, Christian Heidel, in einem Exklusiv-Interview vorgestellt. juwi gehört zu den Sponsoren des Vereins, der im Sommer seine neu erbaute Spielstätte, die Coface-Arena, einweihen wird. Eine Zusammenarbeit lag da natürlich nahe, und so produziert eine von juwi realisierte Photovoltaik-Anlage heute etwa 700 000 Kilowattstunden Sonnenstrom auf dem Mainzer Stadiondach. Obwohl juwi in den vergangenen Jahren stark expandierte und mittlerweile auf nahezu jedem Kontinent mit Niederlassungen oder Projekten vertreten ist, versteht man sich gleichfalls als ein sehr stark in der Region verwurzeltes Unternehmen.
Einkäufern des BME, die ihr zukünftiges Tätigkeitsfeld möglicherweise im Bereich der regenerativen Energien sehen, macht Heiner Duffing Mut. Vor allem für marktorientierte Einkäufer sei die Branche ein ungemein spannender Markt, da er wettbewerbsfähig über viele Länder verteilt sei. Er geht davon aus, dass das Wachstum der Branche auch zukünftig in erheblichem Maße weitergeht. Alleine die juwi-Gruppe plant für 2011 etwa 500 weitere Neueinstellungen, in allen Funktionen. Neben dem Einkauf hebt Duffing besonders den Bedarf in der Logistik, der Materialmengenplanung und dem Transportmanagement hervor.
Fragt man die juwi-Mitarbeiter nach zukünftigen Projekten, erinnert man sich wieder daran, mit welchen Zielen und Überzeugungen Fred Jung und Matthias Willenbacher einst angetreten sind. "Das gute Geschäft ist notwendig", so Pressesprecher Ralf Heidenreich, "aber es ist nicht alles." Daher treibt man auch die Entwicklung nicht netzgekoppelter Systeme verstärkt voran. Interessant sind solche Lösungen unter anderem für Gebiete, in denen keine Netzinfrastruktur vorhanden ist. Kleine und dezentrale Netze könnten, in Ruanda, Namibia oder Senegal beispielsweise, einen entscheidenden Beitrag zur Lebensqualität leisten. In Indien ist juwi seit kurzer Zeit mit einer eigenen Niederlassung vertreten, und es fällt einem unweigerlich das alte indische Sprichwort ein: "Wo rechtes Handeln herrscht, dort ist der Sieg."
Mehr zur juwi-Unternehmensgruppe finden Sie unter http://www.juwi.de
Verfasser: David Schahinian