BME Rhein-Main-Region

06.09.2010

Der Einkauf eines Fußball-Bundesligisten - Interview mit Mainz 05-Manager Christian Heidel

Welchen Stellenwert hat der Einkauf bei einem Fußballverein?

Ohne einen gescheiten Spielereinkauf geht es mit einem Fußballverein abwärts. Die Kunst des Fußballgeschäfts liegt in allererster Linie darin, eine gute Mannschaft zusammenzustellen. Das muss nicht immer heißen, dass man sie zusammenkauft. Viele Spieler können den Verein auch wechseln, ohne dass eine Transferentschädigung an den abgebenden Klub fällig wird. Ich bin allerdings nicht alleine für diese Entscheidungen verantwortlich, sondern treffe sie in ganz enger Abstimmung mit unserem Trainer Thomas Tuchel.

Wie kann man sich eine solche Entscheidungsfindung vorstellen? Beobachten Sie den Markt und schlagen Herrn Tuchel dann Spieler vor?

Das Allerwichtigste ist zunächst eine anständige Planung. Momentan hat Mainz 05 24 Spieler, und wir wissen natürlich genau, welche Verträge im nächsten Jahr auslaufen. Man hat dann drei Möglichkeiten: einen Vertrag zu verlängern, einen Spieler zu verkaufen, und einem Spieler mitzuteilen, dass wir den Vertrag nicht verlängern werden. Demnach kann man einigermaßen klar sehen, welche Spieler im nächsten Jahr noch da sind, und auf welchen Positionen Spieler fehlen. Im Endeffekt schauen wir bereits zu Beginn einer Saison nach offenen Positionen und interessanten Spielern. Da der Trainer und ich uns täglich sehen, wird über diese Themen diskutiert und dann eine Entscheidung getroffen, ob man sich mit dem einen oder anderen Spieler mal treffen möchte - innerhalb der Regularien der DFL.

Welche Kriterien spielen dabei eine Rolle?

Bei der Auswahl spielen völlig unterschiedliche Parameter eine Rolle. Es geht nicht nur um die fußballerische Klasse eines Spielers. Für uns ist ganz wichtig, was der Spieler für ein Typ ist und ob er in die Gruppe passt. Mit 24 Häuptlingen in einer Mannschaft werden Sie nie Erfolg haben, und auch nicht mit 24 Soldaten ohne einen einzigen Häuptling. Die Größe spielt zum Beispiel ebenfalls eine Rolle. Mit elf Leuten unter 1,70 m verlieren Sie in der Fußball-Bundesliga jedes Spiel mit mindestens zehn Toren Unterschied. Wenn der Trainer oder ich einen Spieler aus bestimmten Gründen nicht wollen, dann wird er nicht verpflichtet. Der Trainer und ich müssen beide das Gefühl haben: Ja, das passt. Und trotzdem passt es leider nicht immer.

In vielen Unternehmen spielt der strategische Einkauf eine wichtige Rolle. Ist das in einem Fußballverein ähnlich?

Ein Verein wie Mainz 05 muss auf der einen Seite kurzfristig denken, aber ohne eine mittelfristige Planung könnten wir im Bundesliga-Geschäft überhaupt nicht überleben. Uns fehlen einfach die wirtschaftlichen Mittel, um immer nur kurzfristig agieren zu können. Kurzfristig heißt, dass ein verpflichteter Spieler sofort einschlagen muss. Bei uns ist das Verhältnis in etwa 50 zu 50. Wir versuchen Spieler zu holen, die uns sofort helfen. Leider sind die in aller Regel teuer. Gleichzeitig versuchen wir Spieler zu finden, bei denen wir glauben, dass eine große Perspektive da ist. Diese Spieler sind in aller Regel günstig. Das Ziel bei solchen Spielern ist immer, sie zu entwickeln und irgendwann teuer zu verkaufen. In der Vergangenheit ist uns das recht gut gelungen, da wir in den letzten vier Jahren einen Transferüberschuss von 15 Millionen Euro erwirtschaftet haben. Das hat uns die Möglichkeit eröffnet, ein neues Stadion zu bauen. Das neue Stadion wiederum gibt uns die Möglichkeit, irgendwann vielleicht auch einmal im Budget in ganz andere Dimensionen zu stoßen - für unsere Verhältnisse, wohlgemerkt. In der Bundesliga werden wir immer ein kleiner Fisch bleiben.

Der Spielermarkt ist schon immer ziemlich eng gewesen. Vorteile kann man sich also nur mit einer guten Vorbereitung und einer guten Planung verschaffen?

Ja, absolut. Wenn Sie am Ende einer Saison sieben Spieler mit einem Alter von 31 Jahren haben, werden Sie merken, dass Sie nächstes Jahr kaum noch Einnahmen generieren können, weil Spieler in diesem Alter in der Regel von niemandem mehr gekauft werden. Irgendwann sind die Spieler einfach zu alt und können nicht mehr mithalten. Deswegen ist eine perspektivische Planung sehr wichtig.

Sind Spielerverhandlungen heutzutage nur noch vom Geschäft geprägt, oder spielen auch gute Argumente und Psychologie eine große Rolle?

Das Geld spielt natürlich schon eine wichtige Rolle. Man darf nicht vergessen, dass die Spieler vielleicht 12 Jahre sehr gutes Geld verdienen können, aber mit etwa 34 Jahren noch einmal von vorne anfangen müssen. Die wenigsten Spieler haben dann eine abgeschlossene Schulausbildung oder einen Abschluss, weil sie heutzutage mit 17 oder 18 Jahren ins Profigeschäft einsteigen. Deshalb habe ich absolutes Verständnis dafür, wenn es einem Spieler auch um das Geld geht. Aber die Gesprächsatmosphäre, die Chemie zwischen dem Spieler, seinem Berater, unserem Trainer und mir - das gibt immer einen ganz großen Ausschlag. Wenn ein Klub das Doppelte anbietet wie Mainz, dann verstehe ich, dass der Spieler dorthin geht. Man muss dem Spieler vermitteln können, dass wir in Mainz zum Beispiel glauben, im ganzen Verein eine prima Atmosphäre zu haben. Der Wohlfühleffekt spielt eine wesentliche Rolle, insbesondere dann, wenn Spieler schlechte Erfahrungen gemacht haben. Denn Geld ist ja doch vergänglich. Wenn monatlich ein Betrag auf das Konto kommt, aber man wirklich jeden Tag zum Training geht und sich darauf nicht freut, dann denkt man auch wieder an andere Dinge. Wir haben schon die eine oder andere Unterschrift bekommen, über die sich manch einer gewundert hat: "Wieso geht der jetzt nach Mainz?"

Zu einem Fußballverein gehört auch die Materialbeschaffung, z.B. Bälle, Tornetze oder Trikots. Arbeiten Sie mit festen Lieferanten?

Ehrlicherweise muss man sagen, dass das unsere Kostenseite so gut wie gar nicht betrifft. Wir sind als Fußball-Verein in der glücklichen Lage, mit Firmen verhandeln zu können, wie viel an Material wir bekommen. Sämtliche von uns genutzten Trikots, Fußballschuhe, alles was zu der Ausrüstung der Mannschaft gehört, wird uns gestellt. Das gilt auch für die Jugendmannschaften und die Amateurmannschaft. Wir haben einen sehr langfristigen Vertrag mit dem Sportartikelhersteller Nike, und das Unternehmen nutzt uns natürlich wiederum als Werbeträger. Wir sind nicht Bayern München, aber in der Region um Mainz herum ist es nicht ganz unwichtig, wenn in den Sportgeschäften Nike-Artikel und unsere Trikots angeboten werden, mit denen Nike dann Werbung macht.

Sie müssen also auch bei den Fanartikeln nicht bereits im Voraus kalkulieren, wie stark ein bestimmter Artikel nachgefragt werden könnte?

Doch, das Fanartikel-Geschäft ist eine ganz andere Baustelle. Natürlich kaufen wir viel bei unserem Ausrüster ein, eben zum Beispiel die Fan-Trikots. Das läuft wie in einem Sportgeschäft. Wir sind da fast ein Sportgeschäft, allerdings ein sehr großes. Für uns ist insbesondere das Online-Geschäft sehr wichtig, weil über das Internet sehr viel bestellt wird. Wir haben eine eigene Lagerhalle, in der alles verpackt und verschickt wird. Das macht sicherlich 50 % aus bei uns, weil die Nachfrage aus ganz Deutschland kommt. Aber wir haben einen ganz normalen Einkauf, eine ganz normale Planung. Wir können unsere Lieferanten nicht einfach damit überraschen, dass wir übermorgen 500 neue Schals brauchen. Da gibt es Jahresplanungen, Gespräche mit den Lieferanten, Preisverhandlungen, eine Kalkulation und einen Verkauf. Und wenn es gut klappt, hoffentlich auch einen Gewinn.

Haben Sie einen Lieblings-Fanartikel? Vielleicht die Mainz 05-Badeente?

Ich glaube, dass es inzwischen fast alles mit Mainz 05-Schriftzug gibt. Ich könnte mich aber auf Anhieb nicht für einen bestimmten Artikel entscheiden. In meinem Privatkreis befasse ich mich eher nicht mit diesen Dingen - da bin ich ganz froh, wenn einmal nicht über Fußball gesprochen wird. Wenn ich in Urlaub fahre, laufe ich nicht mit Mainz 05-Badeschlappen herum. Sonst könnten die Leute noch denken, dass ich sie nicht mehr alle habe.

Wo sehen Sie gravierende Unterschiede zwischen einem Profi-Fußballverein und anderen Wirtschaftsunternehmen?

Da gibt es, abgesehen natürlich von branchenspezifischen Besonderheiten, kaum einen Unterschied. Wie jedes andere Unternehmen auch verhandeln wir mit vielen verschiedenen Lieferanten. Dies geschieht zum Beispiel auf Fanartikel-Messen, auf denen Hunderte von Herstellern ihre Produkte anbieten. Mit einigen verhandeln wir dann, und es gibt auch eine ganz normale Einnahmen-/Ausgaben-Rechnung und diverse kurzfristigere und längerfristigere Planungen. Einen ganz großen Unterschied sehe ich allerdings darin, dass sich unser Geschäft zu 100 % in der Öffentlichkeit abspielt. Das Unternehmen Mainz 05, seine Entscheidungen und seine Entwicklung werden in der Öffentlichkeit diskutiert, was es natürlich manchmal nicht einfach macht.

Mainz 05 hat einen ungeheuer starken Bezug zur heimischen Region. Was schätzen Sie besonders am Rhein-Main-Gebiet?

Ich finde, dass das Rhein-Main-Gebiet eine der schönsten Regionen in ganz Deutschland ist. Gerade für einen Fußball-Verein sind die Voraussetzungen hier ideal. Wir haben ein schönes Ambiente, ein großes Einzugsgebiet, zahlreiche, insbesondere auch mittelständische Firmen, von denen viele zu unseren Sponsoren gehören, und die Region hat eine große Kaufkraft. Auch unsere Spieler haben sich hier bis jetzt immer sehr wohl gefühlt. Kurz gesagt: Wir haben Wasser, den Flughafen vor der Tür, kurze Wege - es fehlt nur noch ein Berg.

Der Manager eines Profi-Fußballvereins steht heutzutage ebenso im Rampenlicht wie die Spieler oder der Trainer und trägt die Verantwortung für ein sehr großes Budget. Können Sie nach Feierabend einfach abschalten?

Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht. Aber ein Hobby ist mit dem Feierabend nicht beendet, und genauso ist es auch mit meinem Beruf. Ich habe damit überhaupt kein Problem, weil ich es sehr gerne mache. Mein einziges Problem ist die sehr teure Telefonrechnung, wenn ich im Urlaub bin. Das Fußballgeschäft macht keine Pause. Einfach ab in den Flieger und für vier Wochen nach Florida ist da nicht möglich, aber ich beklage mich überhaupt nicht. Im Gegenteil. Es ist das Schönste, was passieren kann.

Herr Heidel, vielen Dank für dieses Gespräch.


Das Interview führte David Schahinian.


Christian Heidel entdeckte bereits im Alter von acht Jahren seine Liebe zu Mainz 05. Seit 1991 ist er als Vorstandsmitglied und Manager maßgeblich für die erfolgreiche Entwicklung des Vereins verantwortlich. Mit dem geplanten Stadion-Neubau (Coface-Arena) und der gerade begonnenen neuen Bundesliga-Saison stehen dem Manager arbeitsreiche Monate bevor. Der BME rmr sprach mit Christian Heidel über die Besonderheiten des Einkaufs bei einem Profi-Fußballverein und die Vorzüge des Rhein-Main-Gebiets.

Mehr zu Christian Heidel und dem 1. FSV Mainz 05 finden Sie unter http://www.mainz05.de


Verfasser: David Schahinian

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