BME Rhein-Main-Region

25.08.2010

Ist der Kampf gegen Schmiergeld heuchlerisch?

Der Kampf gegen Korruption und Schmiergeldzahlungen steht bei vielen Unternehmen der deutschen Wirtschaft ganz oben auf den Listen der Compliance-Ziele. Insbesondere bei Unternehmen wie Siemens, Daimler oder MAN, die leidvoll mit Gesetzen in Konflikt kamen und teilweise zu drastischen Strafen verdonnert wurden.

Im Handelsblatt vom 10. August 2010 war ein sehr offenherziges Interview mit dem mittelständischen Rohrleitungsbauer Eginhard Vietz, Gründer und geschäftsführender Gesellschafter der Vietz GmbH in Hannover, zu lesen. Der Unternehmer ist seit drei Jahrzehnten im Rohrleitungsbau tätig und liefert seine Schweißraupen, Hebegeräte und Biegemaschinen in alle Welt.

In dem Handelsblatt-Interview gibt Herr Vietz unumwunden zu, schon öfters Schmiergeld gezahlt zu haben und dies auch notwendigerweise weiterhin zu tun. In Ländern wie Algerien, Ägypten oder Nigeria käme man ohne solche Zahlungen einfach nicht durch. Das gelte auch für Russland. Herr Vietz zahle das Schmiergeld meist als Vermittlungsprovision über ein schweizer Konto an das obere Management im Einkauf, d. h. Leute, die entscheiden, wer den Auftrag bekommt. In den Ländern mit Staatsfirmen seien das meist Beamte.

Auf die Strafbarkeit seines Handelns hingewiesen, entgegnet Vietz, niemand habe dadurch einen Nachteil. Das Schmiergeld zahle er als Provision gegen Rechnung oder von seinem privaten Konto.

Bei einer Auftragsverhandlung in Afrika sei ihm sogar schriftlich die Schmiergeldhöhe mitgeteilt worden - zehn Prozent.
Den Amerikanern bescheinigt Vietz extrem heuchlerisches Verhalten. Seiner Erfahrung nach seien diese die Schlimmsten im Schmieren und nutzten zudem ihre Aufsichtsbehörde SEC, um ausländische Konkurrenten "weichzuklopfen".

Den Ausbau der Compliance-Systeme in Deutschland sieht Herr Vietz ebenso als reine Heuchelei. Er kenne nur Unternehmen, denen Aufträge wichtiger sind als ihre Compliance-Abteilung.

Seine Offenheit mache ihm auch nicht angst, er spreche ohnehin "nur aus, was alle wissen."

Das zitierte Interview im Original finden Sie hier:
http://www.handelsblatt.com/eginhard-vietz-der-kampf-gegen-schmiergeld-ist-reine-heuchelei;2633394

Nachtrag:
Welt Online vom 21. August 2010 berichtet, dass die Vietz GmbH bei der Staatsanwaltschaft Hannover nun im Verdacht steht, Schmiergelder gezahlt zu haben, um an Aufträge zu kommen. An mehreren Standorten wurden Firmenräume durchsucht. Mit dem Handelsblatt-Interview habe sich der Unternehmer selbst ins Visier der Fahnder gebracht.

Laut Oberstaatsanwalt Knothe, seien die Schilderungen so detailliert gewesen, dass die Staatsanwaltschaft daraufhin handeln musste.

Den zitierten Beitrag im Original finden Sie hier:
http://www.welt.de/die-welt/wirtschaft/article9120644/Razzia-bei-Pipeline-Bauer-Vietz-wegen-Bestechungsverdachts.html


Quelle: Handelsblatt vom 10.08.2010 und Welt Online vom 21.08.2010 Verfasser: Peter Leitsch

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