BME rmr-Jahresauftaktveranstaltung 2022: Nachhaltigkeit: Ohne den Einkauf geht das nicht
1713 war’s, als Hans Carl von Carlowitz als erster von Nachhaltigkeit im heute verstandenen Sinne schrieb. Er konnte nicht damit rechnen, dass der Begriff mehr als 300 Jahre später so relevant wird. Kein Unternehmen kann es sich langfristig noch erlauben, ihn zu ignorieren. Der BME rmr hat das Thema daher als große Klammer für seine Veranstaltungen im Jahr 2022 gewählt. Die online durchgeführte Jahresauftaktveranstaltung mit 60 Teilnehmenden, gemeinsam mit der BME-Region Hanau und dem Verband für Fach- und Führungskräfte (DFK) organisiert, setzte da gleich ein dickes Ausrufezeichen.
Denn mit Thorsten Pinkepank sprach ein ausgewiesener Experte und langjähriger Kenner der Materie. Er ist nicht nur Director Sustainability Relations bei der BASF SE, sondern auch in den Führungsgremien mehrerer entsprechender Initiativen und Netzwerke vertreten, unter anderem beim Deutschen Global Compact Netzwerk, econsense und CSR Europe. Für den Abend nahm er vor allem die Perspektive der Einkäuferinnen und Einkäufer genauer in den Blick. Zunächst aber brachte er auf den Punkt, was viele zunehmend selbst erkennen, ob als Kunden im Supermarkt oder am eigenen Arbeitsplatz: Für Unternehmen ist nachhaltiges Wirtschaften längst kein „Nice-to-have“ mehr, sondern dringende Notwendigkeit.
Dabei beinhaltet das Thema weit mehr als „nur“ Klimaschutz, wenngleich er momentan besonders im Fokus steht. So steigen auch die Erwartungen in der Gesellschaft und von Investoren an den Beitrag zur Nachhaltigen Entwicklung der Wirtschaft. Zusätzlich nehmen regulatorische Vorgaben zu, wie etwa die jüngst überarbeiteten Gesetze zu Lieferketten und Verpackungen zeigen. Kurz: „Die Wirtschaft muss für die Gesellschaft einen Wertbeitrag leisten“, sagte Pinkepank. Reagieren sei dabei keine erfolgversprechende Option, man müsse Nachhaltigkeit vielmehr strategisch sehen und in die eigenen Prozesse integrieren.
Wie man Nachhaltigkeit konkret messen kann
Bei BASF ist das Thema mittlerweile an vielen Stellen fest in der Organisation verankert: „Es gibt keine Vorstandssitzung mehr, die sich nicht mit Nachhaltigkeit befasst.“ Nun gibt es viele Unternehmen, die sich eine effizientere Produktion oder einen verantwortungsvollen Einkauf auf die Fahnen geschrieben haben. Bei BASF verfolgt man einen umfassenden Wertschöpfungskettenansatz. So sind für die einzelnen Abschnitte grundsätzliche Verpflichtungen und für ausgewählte Unternehmensthemen konkrete Zielstellungen hinterlegt. Das heißt in letzter Konsequenz, dass auch ein Teil der Boni der verantwortlichen Manager von dem Erreichen dieser Ziele abhängt.
Wie man auf diese Zahlen kam und kommt, ist ungewöhnlich: In rund zweijähriger Arbeit hat das Unternehmen das Tool Sustainable Solution Steering entwickelt. Es entstand aus der Frage des Vorstands heraus, ob man den Mehrwert von Maßnahmen zur Nachhaltigkeit auch betriebswirtschaftlich konkret beziffern kann. In einem weiteren Schritt ermittelt BASF heute den CO2-Fußabdruck für 45.000 Verkaufsprodukte. Das schafft Transparenz vor allem für Kunden, die ebenfalls immer häufiger Nachhaltigkeit in ihre Strategien einbeziehen. Ziel ist, das Instrument künftig auch extern zur Verfügung zu stellen.
Rolle des Einkaufs wird wichtiger
Und was kann der Einkauf zum Erreichen sogenannter ESG-Ziele (Environmental Social Governance) beitragen? Eine ganze Menge. Beispielsweise, indem er sich globalen Initiativen zur Verbesserung der Nachhaltigkeitsleistung und der Arbeitsbedingungen in der Lieferkette anschließt. Oder unter diesen Gesichtspunkten stärker darauf achtet, mit welchen Lieferanten er zusammenarbeitet. Diese können zum Beispiel auf einen Verhaltenskodex verpflichtet werden. BASF hat sich unter anderem zum Ziel gesetzt, dass 80 Prozent der mehr als 70.000 Lieferanten bis 2025 ihre Nachhaltigkeitsleistung bei einer Folgebewertung verbessert haben. Die entsprechende Risikobewertung dient nicht der Auslistung, betonte Pinkepank. Ziel ist vielmehr die gemeinsame Entwicklung, denn auch das ist klar: Allein kann niemand die Nachhaltigkeitsprobleme auf dieser Welt lösen.
Tatsächlich sind einige dicke Bretter zu bohren. So geht es bei der Knappheit natürlicher Ressourcen nicht nur um den Einkauf im Speziellen oder die Wirtschaft im Allgemeinen, sondern auch um soziale Themen. Oder die Energiewende: Wie die immensen Kosten dafür fair verteilt werden können, ist noch weitgehend offen. Für Pinkepank kein Grund zum Verzagen, sondern eher zum Anpacken: „Nachhaltigkeit bestimmt die Märkte von morgen.“ Ohne nachhaltigen Einkauf aber gebe es keine nachhaltigen Produkte: „Sie alle tragen also eine große Verantwortung.“
-------
David Schahinian